„Die Paarbeziehung ist das Größte - auch für die anderen!“

Der Weg Nr. 9 zur erfüllten und glücklichen Partnerschaft


Du hast keine Garantie dafür, dass Deine Herkunftsfamilie oder die Deines Partners Ja zu Deiner Herzensbindung sagt. Dieses Ja ist nicht nur wünschenswert, sondern häufig sogar absolut notwendig dafür, dass die Partnerschaft gelingt.
Dazu erfährst Du mehr in unserem Beitrag zum Weg Nr. 8. Da die Wege Nr. 8 und 9 eng miteinander verwoben sind, empfehlen wir Dir, beide Texte „in einem Rutsch“ zu lesen. Der Unterschied liegt darin, dass Du auf dem Weg Nr. 9 weniger Handlungsspielräume hast. Schließlich kannst Du das Verhalten der „anderen“ nicht so beeinflussen wie Dein eigenes.

Impuls zur Standortbestimmung

Unser Impuls zur Standortbestimmung besteht aus einem Leitsatz und einer Kardinalfrage. Der Leitsatz für Weg 9 bedeutet, dass die angesprochenen Personen Dich bereitwillig in Dein Leben als Paar ziehen lassen und auf Einmischung verzichten.

Unsere Eltern und Angehörigen achten den Vorrang der Paarbeziehung sowie unsere jetzige Partnerwahl.

Was würdest Du spontan sagen: Kannst Du diese Aussage unterschreiben? Wenn ja, ersparen diese günstigen Umstände Dir und Deinem Mann bzw. Deiner Frau eine Menge Stress, den viele andere Paare erleben.

Die Kardinalfrage fordert Dich zu einem klaren Ja oder Nein heraus. Lass die Kardinalfrage bzw. Deine Antwort eine Zeitlang auf Dich wirken, bevor Du weiterliest!

Achten es Deine Eltern und Schwiegereltern, dass Deine/e Partner/in bei Dir an erster Stelle stehen darf?

Woran Du erkennst, dass es nicht stimmt

Störungen auf dem Weg drücken sich sehr oft im Umgang mit Grenzen aus. Etwa als strafende Selbstausgrenzung: Wenn die Eltern trotz Einladung nicht zur Hochzeit erscheinen, hängt der Haussegen schon von Anfang an schief. Oder als krasse Fremdausgrenzung ein paar Jahre später: Deine Eltern oder Geschwister laden nur noch Dich ein, nicht jedoch Deine/n Partner/in, oder verlangen von Dir, dass Du ohne Partner/in kommst. Und noch heftiger: Jemand spricht ein generelles Hausverbot gegenüber Deinem/r Partner/in aus – bzw. gegenüber Dir selbst, wenn Du nicht bestimmte Bedingungen erfüllst.

Das umgekehrte Vorzeichen haben Grenzüberschreitungen in Eure Partnerschaft hinein: Die Schwiegermutter fängt die Enkelkinder eigenmächtig ab, tischt ihnen das Mittagessen auf und macht ihnen weis, wie viel besser ihr Essen im Vergleich zu dem der Mama sei. Im schlimmsten Fall verbreitet sie Lügengeschichten über die böse Schwiegertochter in der Nachbarschaft. Die große Schwester des Mannes kommt zu Besuch und übernimmt sofort die Regie im Haushalt. Der Vater verschafft sich mit seinem Schlüssel ungefragt Zutritt zur Wohnung des jungen Paares oder leert ständig dessen Briefkasten. Die Eltern verlegen ihr Schlafzimmer Wand an Wand zum Schlafzimmer der Jungen, so dass denen jegliche Lust auf Intimität vergeht. Die Mutter besteht darauf, dass ihr Muttertag wichtiger ist als der in der Gegenwartsfamilie, weswegen alle zu ihr nach Hause kommen müssen.

Neben der physischen Anmaßung kommt es oft zu ideellen Grenzüberschreitungen aller Art. „Ihr kriegt das nicht hin“, müssen sich viele Paare von einer Elternseite sagen lassen. „Wie Ihr die Kinder erzieht, kann das nicht gut gehen“ oder „Das Beste für Euch ist, wenn…“ sind andere typische Formulierungen.

Regelmäßig kommen uns auch Geschichten zu Ohren, in denen der „einheiratende“ Partner zur Dienstkraft degradiert wird oder anderweitig in der Minderwertigkeit gehalten wird: z.B. die Jungbäuerin, der die Alteingesessenen alle Drecksarbeiten aufhalsen; z.B. der Hotelfachwirt, der die Juniorchefin geheiratet hat und nun von deren Vater, dem Seniorchef, in den schwierigsten Projekten verheizt wird; oder die Ehefrau, die hochqualifiziert im Büro des Familienbetriebes ihres Mannes mitarbeitet, weniger bezahlt bekommt als seine Schwestern mit ihrer kürzeren Ausbildung, nie ein Wort der Anerkennung hört, dafür aber jederzeit als Schuldige hingestellt wird, wenn etwas schiefläuft.

Eine weitere Art des Vorbehalts besteht darin, dass die Eltern Dir Deine Partnerwahl regelrecht verbieten. Das kommt heutzutage in Mitteleuropa zwar kaum mehr vor. Doch kennen wir aus unserer Paarberatung durchaus Klienten, vor allem Frauen, die diese Beschränkung noch am eigenen Leibe erfahren haben. Meist sind sie schon jenseits der 60 oder 70, doch gibt es auch Jüngere, die ihren Eltern so „hörig“ geblieben sind, dass sie ihnen in der Frage der Heirat Folge leisten. Und zwar insbesondere dann, wenn die Eltern sich schon früheren Partnerschaften in den Weg gestellt haben, der Sohn bzw. die Tochter sich darüber hinweggesetzt hat und die eingegangenen Beziehungen gescheitert sind, was dann den Eltern entsprechend Oberwasser gibt.

Ähnlich wird der Weg Nr. 9 verfehlt, wenn eine Zwangsheirat stattfindet oder Eltern die Heirat ihrer Kinder weitgehend unter sich aushandeln, wie es z.B. bei Bauern noch bis vor wenigen Jahrzehnten vorkam oder bis weit zurück in Adels- und Königshäusern üblich war. Türkisch- und arabischstämmige Familien beispielsweise erhalten diese Tradition hierzulande teilweise noch aufrecht. Solche kulturellen Normen blockieren neben dem Weg Nr. 9 auch den Weg Nr. 1.  

Solche und viele andere Formen des Neins zum Vorrang bringt das Leben hervor. Welche Spielarten hast Du schon erlebt?

Was Du unbedingt wissen solltest

Eine Erkenntnis aus den vorangegangenen Beispielen springt Dir bestimmt ins Auge: Es kommt auf die gute Grenze an. Das fängt z.B. mit der Zurückweisung von Besserwisserei an, setzt sich mit dem Umzug weg vom Elternhaus fort und hört im Extremfall bei der körperlichen Gegenwehr auf. Kürzlich erzählte uns ein Klient vom Handgemenge mit seinen Eltern, als diese auf seine Frau losgehen wollten. Wie viel an Lebensqualität haben manche junge Paare allein durch eine klare räumliche Trennung gewonnen! Sei froh, wenn Dir solche Probleme wie aus einer fremden Welt vorkommen!

Mach Dir allerdings auch bewusst, dass Grenzüberschreitungen gutgemeint sein können – z.B. Aufräumaktionen, Reparaturen oder Geschenke für die Enkel ohne vorherige Absprache. Der Unterschied zwischen einer Unterstützung, über die Du Dich nachträglich freust, einer Aktion, die Du erträgst, einer unangenehmen Einengung oder einer immer größeren Abhängigkeit verschwimmt leicht. Wie gelassen oder empfindlich Du reagierst, hängt von Deiner Persönlichkeit und von der gemeinsamen Vorgeschichte ab. Manchmal liegen einfach nur Missverständnisse zugrunde, die sich mit einem klärenden Gespräch ausräumen lassen.

Jedenfalls reicht es auf dem Weg Nr. 9 nicht, darauf zu setzen, dass die eingangs erwähnten „anderen“, all die Angehörigen verschiedenen Verwandtschaftsgrades, das Ihre tun, um Deine Partnerschaft zu achten. Im Idealfall mag es so laufen. Oft genug kommt es auf Dich an. Dabei gilt die Regel, dass Du die „Hauptzuständigkeit“ für Deine Familie hast, Deine Partnerin die für ihre. Wenn Du Mann bist, sprechen wir Dich hier vorrangig an. Denn Männer erzählen uns viel öfter als Frauen, dass sie sich als „zwischen den Stühlen“ sitzend erleben, als hin- und hergerissen zwischen dem klaren Bekenntnis zur Frau und der alten Treue zu den Eltern. Zwar bleibst Du zeitlebens das Kind Deiner Eltern. Doch müssen „Mamas Junge“, „Papas Tochter“ und andere Kinderrollen gegenüber der Rolle als Mann an der Seite der Frau und umgekehrt zurücktreten. Dafür bist Du verantwortlich. Wenn Du stattdessen aus Bequemlichkeit oder Feigheit Deine Partnerin vorschiebst, kriegt sie unfairer Weise viel zu viel ab. Früher oder später kommt diese Verschiebung wie ein Bumerang zu Dir zurück – sei es über die Verbitterung Deiner Frau, über die Entfernung Deiner Kinder von Dir (aus Solidarität mit ihrer Mutter) oder über die sich immer weiter steigernde Einmischung Deiner Eltern.

Umgekehrt können wir alle Frauen nur warnen, die es sich auf die Fahnen schreiben, ihre Männer aus der Abhängigkeit von den Eltern zu befreien. Ihnen bleibt am Ende die berüchtigte „Arsch-Karte“. Ähnlich geht es den Männern, die ihre Frauen retten wollen.

Selbstverständlich kannst Du als Partner/in mit Offenheit, Charme, Geduld und beherztem Zupacken viel dazu beitragen, dass Dich die Familie Deines Mannes oder Deiner Frau willkommen heißt oder Dich im Laufe der Zeit mehr zu respektieren lernt. Es lohnt sich hier oft, eine Weile in die Vorleistung zu gehen. Hingegen bringt es nichts, von Deinem Mann oder Deiner Frau zu verlangen, dass er/sie sich Dir zuliebe vom Elternhaus entfernt oder schlimmstenfalls lossagt. Ein solcher Schritt kann nur freiwillig erfolgen.

Einmischungen in die Paarbeziehung kommen nicht nur aus der Familie, sondern auch aus dem Freundeskreis. Manchmal tun sich die Kumpel aus der Jugend und dem frühen Erwachsenenalter schwer damit, dass Du Dich als Mann gebunden hast. Vielleicht unterstellen sie Dir, „unter den Pantoffel“ Deiner Frau geraten zu sein, vermissen ausgedehnte gemeinsame Touren und machen Dir Druck. Vielleicht geht es Dir wie dem Mann, der bei uns in der Beratung war, weil seine „Buam“ ihm die neue Freundin mit dem Argument ausreden wollten, dass sie „zu alt, schon geschieden und mit zwei Kindern vorbelastet“ sei. Oder es geht Dir wie der Frau, der die Freundinnen ständig bestätigen, dass sie Recht habe, während sie über ihren Mann wegen seiner schweigsamen Art oder angeblichen Unsensibilität herziehen.

Gleichwohl bleibt es im Sinne von Weg 1 wichtig, bestehende Freundschaften aufrechtzuerhalten und zu pflegen und sie keineswegs der Partnerschaft zu opfern. Und selbstverständlich gehört es zu guten Freundschaften, über wunde Punkte in der Paarbeziehung zu sprechen.

Egal, aus welcher Richtung die Vorbehalte kommen, sieh´ sie als Einladung an Dich, für Deine Partnerwahl einzutreten und Dir den Stellenwert Deiner Partnerschaft bewusst zu machen!

Zeit für Besinnung – unsere Reflexionsfragen

Schau Dich um und blicke dabei auch über den Tellerrand der Familie hinaus: Bekommst Du von allen Seiten Zustimmung für Deine Paarbeziehung?

Was hast Du schon alles unternommen, um Dich für den Vorrang der Partnerschaft einzusetzen und Dich schützend an die Seite Deines Mannes bzw. Deiner Frau zu stellen? Wieviel warst oder bist Du bereit, dafür zu riskieren?

Wo lehnst Du etwas bei den „anderen“ ab, was diese Dir mit ihrer Ablehnung Deiner Paarbeziehung spiegeln?

So kommt Ihr voran – unsere drei Tipps

Gespräch mit den Eltern

Falls es Schwierigkeiten gibt – wie wäre es mit einer einfachen Bitte an die Eltern, Euch ihr Ja zu geben und/oder Euch Eure Freiräume zu lassen? Bitten öffnen so oft Herzen. Und hier noch unser Geheimtipp: Fragt die Eltern, wie sie von ihren Schwiegereltern empfangen wurden! Und stellt dann die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart her! Die Missachtung des Vorrangs ist nach unserer Erfahrung nämlich oft ein Fortsetzungsroman über Generationen hinweg, in dem Frauen öfter die Hauptfiguren sind als Männer. So verrückt es klingt, wer selber keine Achtung von den Schwiegereltern, speziell der Schwiegermutter, bekam, verweigert diese dann auch eher der späteren Schwiegertochter. Die Eltern an dieses alte Leid zu erinnern, hat schon vielfach das aktuelle Leid beendet.

Zeit für klare Worte

Setze Dich mit Deinem Mann bzw. Deiner Frau zusammen, geht dann die wichtigsten Angehörigen und Freunde durch und teilt sie in maximal drei Gruppen ein:

1. in Befürwortende Eurer Partnerschaft,

2. in offensichtliche und stillschweigende Gegner (wenn es keine Gruppe 2 gibt, umso besser für Euch!),

3. in Neutrale.

Den Befürwortern/innen sprecht Ihr einen Dank für ihre wohlwollende Haltung aus! Die Gegner/innen gliedert Ihr bei Bedarf entsprechend ihrer Zugehörigkeit in weitere Untergruppen auf (z.B. Eltern, Geschwister und Freunde). Dann sucht Ihr mit jeder Teilgruppe getrennt von der anderen das Gespräch, wobei die jeweilige Hauptbezugsperson von Euch die Federführung haben sollte. Als federführende Person sagst Du klipp und klar, dass Dein/e Partner/in für Dich der/die Richtige ist. Dann erfragst Du, was es von allen Beteiligten brauchen würde, damit die Gegner/innen achtungsvoller werden, und prüfst, wer zu dem erwünschten Entgegenkommen bereit ist.
Wenn sich eine Annäherung abzeichnet, vereinbart Ihr eine Probezeit, an deren Ende Ihr erneut zusammenkommt, um zu schauen, ob nun die Basis für ein achtungsvolles Miteinander oder wenigstens Nebeneinander gegeben ist. Wenn die Probezeit fruchtlos verlaufen ist oder wenn es schon beim Erstgespräch zu keiner Verständigung gekommen ist, dann könnt Ihr Euch zumindest sagen, dass Ihr es probiert habt. In Zukunft schafft Ihr gebührend Abstand zu den Gegnern/innen, damit sie Euch nicht länger in die Quere kommen.

Zeit für Taten

Das können Taten der Abgrenzung sein: z.B. ein neues Türschloss einbauen, falls die Eltern einen Schlüssel haben und den nutzen, um ungefragt in die Wohnung oder ins Haus des Paares einzudringen; oder gar ein Auszug aus dem gemeinsamen Haus mit den Eltern, um auf diese Weise die Ablösung zu zeigen und die Eigenständigkeit zum Ausdruck zu bringen.

Was uns persönlich bewegt - zwei Statements von uns zu dem Weg

 

Christoph Nitschke
Mir wurde erst viel später bewusst, welches Glück ich mit meinen Schwiegereltern hatte. Sie zeigten sich schon bei unserer ersten Begegnung im Jahr 1984 - sie fand auf der Bundesgartenschau statt – ausgesprochen unkompliziert und nahmen mich bei der nächsten Gelegenheit auch herzlich bei sich zuhause auf. Das blieb so bis zum Tod meiner Schwiegermutter. Ich bin Karins Eltern sehr dankbar für ihren beherzten Einsatz als Großeltern und die damit verbundenen Zeitgeschenke für mich. Gerne denke ich an viele tolle gemeinsame Essen sowie an die schönen Hemden zurück, die die Schwiegermutter für mich aussuchte.

 

Karin Scheinert
Mir fiel die Ablösung von meinem Elternhaus sehr leicht. Ich bin nach meinem Abitur nach Regensburg gezogen, um dort zu studieren. Das war für mich ein großes Glück. Ich liebte und genoss mein Studentenleben in vollen Zügen: die Stadt, die neuen Menschen, die große Gestaltungsfreiheit beim Studium im Unterschied zur Schule und die politische Aufbruchsstimmung. Für meine Eltern, besonders für meine Mutter, war es nicht so leicht, mich ziehen zu lassen. Als ich nach meinem Vordiplom nach Berlin umzog, machten sie sich große Sorgen um mich. Trotzdem legten mir meine Eltern keine Steine in den Weg und machten mir auch kein schlechtes Gewissen. Ihre Angst legte sich dann auch nach einiger Zeit, weil sie merkten, dass es mir in Berlin sehr gut ging. Meine Partner fühlten sich eigentlich immer recht wohl in meinem Elternhaus. Als ich die Eltern von Christoph kennen lernte, war ich schon aufgeregt. Ich komme ja aus einem recht einfachen Elternhaus. Meine Mutter hat viele Jahre als Ungelernte in der Fabrik gearbeitet. Mein Vater hat sich im Laufe der Zeit vom Arbeiter zum kaufmännischen Angestellten hochgearbeitet. Christoph kommt aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus. Sein Vater verwendete seine Worte mit Bedacht und drückte sich sehr gewählt aus. Für mich klang das anfangs gestelzt und etwas unnatürlich. Er ließ auch durchblicken, dass er sich eigentlich eine weniger rebellische und gesellschaftskritische Schwiegertochter mit gebildeten Eltern gewünscht hätte. Die anfänglichen Berührungsängste legten sich aber recht schnell, als wir uns nach und nach besser kennen lernten.