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Den Vorfahren/innen auf der Spur - Ahnenarbeit und Ahnenforschung selber machen

Die prägende Kraft der Ahnen

Unseren Vorfahren/innen verdanken wir unser Leben. Vielleicht sagst Du jetzt: "Na ja gut, stimmt schon. Aber da ist auch einiges oder gar vieles, das ich anders machen möchte als meine Eltern." Oder Dir kommt dabei in den Sinn: "So wie mein Vater und meine Mutter will ich wirklich nicht werden!" Wer schon systemisch gearbeitet hat, weiß, dass wir zu uns nur dann Ja sagen und in Selbstverantwortung leben können, wenn wir unsere Ahnen/innen achten, annehmen und wertschätzen. Dann fließt der Kraftstrom der Generationen zu uns. Manches Mal reicht es nicht aus, nur die Eltern in den Blick zu nehmen und sich mit ihnen zu versöhnen. Sondern es ist notwendig, noch weiter zurück in die Vergangenheit zu gehen, um eine Lösung für ein Problem zu finden, das uns (immer wieder) einholt und umtreibt.

Unsere Arbeit zeigt uns ganz klar, dass es sich lohnt, sich mit unseren Wurzeln auseinanderzusetzen - unabhängig davon, wie viel Liebe, Wärme und Fürsorge uns die Familie entgegengebracht hat. Denn in so vielen Familien haben Menschen Krieg, Vertreibung, Flucht, Folter, Vergewaltigung, Missbrauch oder andere Formen von Gewalt erlebt. In so vielen Familien finden sich Täter und Opfer. Solche Gewalterfahrungen erzeugen oft Einstellungen, Haltungen, Handlungsweisen und Gefühle, die sich wie die Fangarme eines Kraken über die Generationen hinweg ausbreiten und verhindern, dass die Nachkommen erfüllt und verantwortungsbewusst leben.

Wenn Du Dich mit Deinen Ahnen beschäftigst und in sie hineinversetzt, entwickelst Du Verständnis für ihren Werdegang und ihr Wirken. Du verschaffst Dir Klarheit darüber, welche unerfüllten Wünsche oder tief sitzende Wunden von Deinen Ahnen/innen an Dich weitergegeben wurden. Du kannst vergeben - Deinen Familienangehörigen und Dir selbst. Verständnis und Vergebung sind Balsam für Dich und die Familienseele (vgl. z.B. Ingrid Alexander und Sabine Lück: Ahnen auf die Couch).

Der richtge Zeitpunkt

Gibt es den? Auf dem Foto sind mein Opa Jakob, meine Oma Margarete, meine Mutter Ida und ihre ältere Schwester Erna zu sehen. Ich weiß nicht einmal, in welcher Situation das Foto aufgenommen wurde und vermute, dass es entstand, kurz bevor meine Oma mit ihren Kindern aus Serbien floh.

Meine beiden Großeltern Jakob und Margarete habe ich in meiner Kindheit erlebt, Margarete sogar noch, bis ich Mitte 50 war. Die Mutter meines Vaters starb, als ich zwölf Jahre alt war. Seinen Vater Bruno kannte ich nur aus Erzählungen meiner Oma Martha und meines Vaters Heinz. So vieles würde ich meine Eltern und Großeltern jetzt gerne noch fragen wollen. Dazu ist es zu spät, weil alle bis auf meinen Vater  bereits gestorben sind. Er ist der letzte verbliebene Familien-Zeitzeuge und kann mir mittlerweile überhaupt keine Antworten mehr auf meine Fragen geben, weil  die Demenz und sein psychischer Wahn seinen Verstand immer mehr zersetzen.

Einerseits ärgere ich mich über mich selbst wegen der verpassten Chancen. Andererseits weiß ich, dass es spezielle Auslöser oder ein größeres Problem in meinem Leben brauchte, die mich motivierten, Ahnenforschung und Ahnenarbeit zu betreiben. Somit ist der richtige Zeitpunkt dann gekommen, wenn es einen Anlass gibt, der Dich antreibt, mehr herauszufinden. Und klar: Je früher Du damit anfängst, umso besser, weil die Chancen größer sind, Eltern und Vorfahren/innen direkt zu befragen. Gleichzeitig kann ich Dich beruhigen: Es ist nie zu spät! Es gibt Möglichkeiten und Wege, etwas über das Leben Deiner Ahnen/innen zu erfahren, auch wenn sie bereits verstorben sind, nicht (mehr) dafür ansprechbar sind oder die noch Lebenden wie auf einem Leierkasten die ewig gleichen Geschichten wiederholen. Das ist bei meinem Vater schon seit vielen Jahr der Fall. Nicht zuletzt das hat mich inspiriert, Verschiedenes auszuprobieren, um meinen Ahnen/innen auf die Spur zu kommen und auf ihren Spuren zu wandeln.

Familienstammbaum und Genogramm

Ich war sehr beeindruckt, als Christoph mir den Familienstammbaum seiner Mutter zeigte. Sie kommt aus einer bürgerlichen Familie, in der es einige berühmte und weniger bekannte Pfarrer, Wissenschaftler und Forscher gegeben hat. In unserem Haus stehen verschiedene Möbel von Christophs Urgroßeltern. In unserem Wohnraum hängen von Hand gemalte Portraits einer Urur-Großmutter, eines Urur-Großvaters und einer Ur-Großmutter von Christoph an der Wand.

Sein Vater schrieb im Alter von 90 Jahren seine Lebensgeschichte auf. Christophs Halbbruder Gerhard dokumentierte über Jahre hinweg die Briefe seines Vaters, des ersten Mannes von Christophs Mutter Rut, die dieser während des zweiten Weltkrieges an sie schrieb. Der rege Briefwechsel zwischen beiden fand ein jähes Ende, als ihr Mann im Krieg starb.

In vielen Familien, auch In meiner, existiert eine solche Tradition nicht. Meine Eltern - mein Vater als Jugendlicher und  meine Mutter als Kind - mussten von einem Tag auf den anderen aus Polen und Serbien fliehen. Das einzige Erbe aus dieser Zeit sind einige wenige Fotos. Wenn ich meinen Familienstammbaum aufmale, komme ich bis zur Generation der Großeltern. Dann ist mehr oder weniger Schluss - die Informationen versiegen.

Wenn es bis jetzt in Deiner Familie keinen Stammbaum oder kein Genogramm gibt, kannst Du selbst aktiv werden. Beide bieten einen Überblick zu den Familienstrukturen. Wenn es Dich interessiert, kannst Du im Internet ganz schnell und in Büchern (z.B. bei Ingrid Meyer-Legrand: Die Kraft der Kriegsenkel, S. 139 ff) Anleitungen dazu finden. Im Unterschied zum Familienstammbaum, der hunderte von Jahren zurückreichen kann, werden im Genogramm vielfältige und teils verschüttete Informationen zu einzelnen Familienmitgliedern und deren Beziehungen gesammelt und ausgegraben. Es stellt zudem einen Bezug zu der Zeit her, in der die Familie gelebt hat. Somit ermöglicht das Genogramm, nicht nur die familiären Wurzeln zu reflektieren, sondern auch über das eigene Eingebundensein in die Familie, Geschichte, Gesellschaft und Kultur nachzudenken.

Systemisches Ahnenritual

Wir arbeiten gerne mit sog.  "Selbstaufstellungen", die sich in Eigenregie durchführen lassen und sich  sehr gut dafür eignen, Dich mit Deiner Ahnengeschichte auseinanderzusetzen. Im Folgenden findest Du eine Anleitung für ein von uns entwickeltes systemisches Ahnenritual, das Elemente der Selbstaufstellung und des Genogramms miteinander kombiniert. Du brauchst einen Raum, in dem Du ungestört bist, und Papier in den Farben blau und rot sowie in drei weiteren Farben.

Schritt 1: Dein Anliegen klären
Finde für Dich heraus, welches persönliche Problem Du Dir durch die Brille Deiner Ahnengeschichte anschauen willst. Welchen Nutzen hat das für Dein Anliegen, wenn Du zu Deinen Vorfahren forscht?

Schritt 2: Ein Raumbild zu Deiner Familie im Raum auslegen
Schneide Symbole für die einzelnen Familienmitglieder aus. Das folgende Foto zeigt ein Beispiel für ein Ahnen-Raumbild. In diesem ist noch die dritte Generation der Urgroßeltern vertreten. Wenn Du das Ahnenritual das erste Mal durchführst, empfehle ich Dir, es auf die Eltern und Großeltern zu beschränken. Die Farbe rot und die runde Form sind für die Frauen aus Deiner Familie vorgesehen, die Farbe blau und die eckige Form für die Männer. Lege nun ein Bild von Deiner Familie auf dem Boden des Raumes aus, und zwar so, dass Du  (zusammen mit Deinen Geschwistern, falls Du welche hast) vor Deinen Eltern stehst und auf sie schaust. Hinter Deinem Vater stehen Deine Großeltern väterlicherseits und hinter Deiner Mutter Deine Großeltern mütterlicherseits. Lass auch diese in Deine Richtung blicken. Wenn Du willst, kannst Du das Raumbild mit Fotos Deiner Vorfahren/innen anreichern. Achte bitte besonders beim ersten Mal darauf, dass Deine Familie für Dich überschaubar bleibt.

Schritt 3: Das Raumbild mit Informationen auskleiden
Halte als nächstes einzelne Informationen, soweit vorhanden oder zugänglich, zu Deinen Verwandten auf Zetteln in einer dritten Farbe fest und lege die Zettel zu den jeweiligen Personen:
Was weißt Du über ihre Absichten und Bedürfnisse und über ihr Denken, Fühlen und Handeln? Welche Funktion und Rolle haben sie im Familiensystem? Wie haben sie gelebt? Was hat sie belastet?
Beschreibe nun auf Zetteln in einer vierten Farbe, wie die Beziehungen zwischen Deinen Verwandten aussehen: Wie gut oder schlecht fühlen sie sich in den jeweiligen Beziehungen? Zwischen wem gibt es Konflikte oder gar einen Kontaktabbruch? Füge auch diese Zettel in Dein Raumbild ein.
Als letztes frage Dich, in welcher Zeit haben Deine Familienangehörigen gelebt? Welche historischen und gesellschaftlichen Ereignisse haben das Leben Deiner Familie entscheidend geprägt? Halte Deine Einschätzungen dazu auf Zetteln in einer fünften Farbe fest und lege sie zu den entsprechenden Personen.

Schritt 4: In Dein Raumbild eintauchen
Stelle Dich auf Deinen Platz - wie geht es Dir, wenn Du von Deinem Platz auf Deine Ahnen schaust? Was fällt Dir auf? Kannst Du bestimmte Familienmuster erkennen? In welchen Ahnen kannst Du Dich wiedererkennen? Für was bist Du dankbar? Was willst Du hinter Dir lassen? Gelingt es Dir zu verstehen und zu vergeben?

Schritt 5: Eine Ansprache an Deine Ahnen/innen halten
Verneige Dich vor Deiner Familie. Bedanke Dich für alles Wertvolle, was Dir Deine Familienangehörigen auf Deinen Weg mitgegeben haben. Spreche das an, was Dir gefehlt und Dich belastet hat. Versuche zu verstehen, wieso der eine oder die andere Dir nicht mehr geben konnten:  Was ist für Dich das Gute im Schlechten? Und was hast Du daraus für Dein Leben mitgenommen?

Schritt 6: Die Ergebnisse dokumentieren
Am besten, Du machst ein Foto von Deinem Raumbild und schreibst Deine wichtigsten Eindrücke und Aha-Erlebnisse zum Ritual auf.

Weiterarbeit:

Ein solches systemisches Ahnenritual muss kein einmaliger Akt bleiben und bietet verschiedene Möglichkeiten zur Weiterarbeit:
  • Du erkennst weiße Flecken auf Deiner Ahnen-Landkarte und beschaffst Dir zusätzliche Informationen zu Deiner Familie, um das Bild zu erweitern und zu vervollständigen.
  • Du ergänzt  Dein Raumbild um weitere Personen, die für Dich wichtig sind  und in Deinem Ahnenbild fehlen (z.B. Tanten, Onkel, Neffen, Nichten).
  • Du wiederholst das Ritual mit einem anderen Anliegen und blickst aus dieser Perspektive erneut auf Deine Ahnengeschichte.
  •  Du schaust Dir bestimmte Beziehungen tiefer an, indem Du Dich auf den Platz dieser Personen stellst und Dich in sie einfühlst. Vielleicht hast Du Fragen an sie  und lauschst ihren Antworten.

Wenn Du Dich auf diese Weise mit Deinen Ahnen verbindest, können ganz neue Geschichten, neue Perspektiven und neue Antworten entstehen auf die Frage, wer Du bist, was Dich ausmacht und was Dich im Leben trägt.

Systemische Aufstellungsgruppen

Auch systemische Aufstellungen können helfen, Licht ins Dunkel der Familiengeschichte zu bringen. So manche Aufstellung hat Familiengeheimnisse zu Tage gefördert. Allerdings ist hier zu empfehlen, die Unterstützung von Profis in Anspruch zu nehmen. Ein Anliegen kann sein, die Herkunftsfamilie aufzustellen oder eine Ahnenaufstellung mit mehreren Generationen durchzuführen. Hier liegt es auf der Hand, dass die Klienten/innen möglichst viele Informationen über ihre Familie parat haben sollten. Auch andere Themen wie Krankheit, Konflikte in der Partnerschaft, finanzielle Sorgen oder beruflicher Misserfolg sind oft in der Familiengeschichte begründet.


Großvater Bruno

Vor ein paar Jahren  machte ich bei Christoph eine Aufstellung zu meinem Vater und seinen Eltern. Wenn ich an meinem Großvater Bruno dachte oder mein Vater etwas über ihn erzählte, überkam mich ein ungutes Gefühl. Ich hatte den Eindruck, dass da etwas nicht stimmte. Mein Vater wurde in Lodz geboren und wohnte dort mit seinen Eltern in einem Stadtviertel, in dem damals viele Menschen mit deutschem und jüdischem Hintergrund lebten. Meine Ahnen waren vor langer Zeit von Deutschland nach Polen ausgewandert. Polen wurde 1939 vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt, das dort den Krieg von Anfang an mit grausamer Härte führte. Von meinem Vater wusste ich, dass mein Opa seinen Beruf des Schlossers gegen den eines Polizisten eintauschte, als die Deutschen begannen, in Polen zu wüten.  Er starb im Sommer 1944 bei einem Einsatz gegen polnische Partisanen.

Ich recherchierte im Internet und stieß auf den Namen meines Opas, der in einem Band 34 erwähnt wurde, den ich im Institut für Zeitgeschichte in München einsehen konnte. Bei diesem Band handelte es sich um den Schlussbericht zu dem Vorermittlungsverfahren, das der Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen im erweiterten Polizeigefängnis Radegast in Lodz diente. Mein Opa war Oberwachmeister der Schutzpolizei und ein Angehöriger der Bewachungsmannschaft für das erweiterte Polizeigefängnis, was mit einem städtischen Konzentrationslager gleichzusetzen ist. Es diente als Sammel- und Durchgangslager sowie als Zuliefersystem für die großen Konzentrations- und Vernichtungslager wie Auschwitz. Bei verschiedenen Personen in der Liste des Wachpersonals war ein Vermerk eingetragen, an welchen Tötungen sie beteiligt waren. Jeden Tag wurden mehrere Häftlinge hingerichtet und zu Tode geprügelt. Im nahe gelegenen Wald fanden Massenerschießungen von Häftlingen des Polizeigefängnisses statt. Wie erleichtert war ich, dass bei meinem Opa kein Vermerk zu finden war!

Durch meine Recherchen wurde mir klar, dass mein Opa zumindest mittelbar an den grausamen Handlungen beteiligt war. Die Aufstellung half mir, zu verstehen, warum mein Opa damals so handelte. Er wollte seine Familie schützen und war voller Schuld, Scham und Verzweiflung wegen der Rolle, die er damals in dem besetzten Lodz einnahm. Ich war sehr erleichtert, dass sich die Opfer mit meinem Opa als Täter versöhnen konnten, nachdem er die Verantwortung für das übernahm, was er getan oder vielleicht auch nicht getan hatte.  Das brachte mich ihm näher. Ich konnte ihn verstehen und Frieden mit ihm schließen. Die Aufstellung zeigte mir auch, wie das damalige Geschehen sogar noch eine Generation nach mir, also bei meinen eigenen Töchtern, seine Spuren hinterließ.

Interviews und andere Quellen

Nach meinem Besuch des Instituts für Zeitgeschichte hatte ich viele Fragen an meinem Vater. Leider wollte oder konnte er mir darauf keine Antworten geben. Ich lief mehr oder weniger ins Leere und das machte mich traurig und teilweise auch wütend. Doch so muss es nicht sein. Es gibt Familien-Zeitzeugen, die sich vieles gemerkt und intensiv reflektiert haben. Sie geben ihre Erfahrungen und Lebensweisheiten gerne an jüngere Generationen weiter. Als ehemalige Sozialwissenschaftlerin weiß ich, wie viele wertvolle Erfahrungen heraussprudeln, wenn ein Interview gut vorbereitet ist und in einer offenen und wertschätzenden Haltung geführt wird. Kommt dieser Weg für Dich in Frage? Ja - dann gehe folgendermaßen vor:

Checkliste "Interview":

  • Überlege Dir im Vorfeld, mit wem aus Deiner Familie Du ein Gespräch führen und was Du darüber herausfinden willst.
  • Vereinbare einen Termin und kläre den zeitlichen Rahmen ab.
  • Stelle offene Fragen zusammen, also Fragen die mit "Wie", "Was", "Wozu", "Womit" und ähnlichen Fragewörtern beginnen und die sich nicht einfach nur mit Ja oder Nein beantworten lassen.
  • Hake nach, wenn Du etwas nicht verstanden hast.
  • Versuche herauszufinden, was das Leben des/der Interviewpartners/in mit Deinem Leben zu tun hat. Welche Verbindungslinien und Ähnlichkeiten gibt es? Welche Unterschiede?
  • Welche Herausforderungen musste der/die Interviewpartner/in bewältigen? An welchen ist er/sie gewachsen, an welchen gescheitert?
  • Nimm das Gespräch mit Deinem Smartphone auf. Notiere Dir die wichtigsten Informationen, so dass Du schnell und leicht darauf zugreifen kannst.

Falls niemand in Deiner Familie für solche Gespräche offen ist, kannst Du in Erfahrungsberichte, Dokumentationen,  Biografien und (Spiel-)Filme von Menschen eintauchen, die unter ähnlichen Bedingungen wie Deine Ahnen/innen gelebt haben. Klar - Du kannst das, was andere Menschen in gleichen Situationen erfahren haben, nicht eins zu eins auf Deine Familienangehörigen übertragen. Jede/r geht anders mit Herausforderungen und Chancen um. Doch es ist möglich, auf diese Weise eine konkretere Vorstellung  und ein deutlicheres Gespür für die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe und Ereignisse zu bekommen.  So hat es mir z.B. sehr geholfen ein Buch von einem Mann zu lesen, der seine Flucht als Jugendlicher von Polen nach Deutschland ausführlich auf vielen Seiten beschreibt. Dadurch konnte ich mir ein sehr umfassendes Bild über Flucht machen und was das für einen jungen Menschen bedeutet, der wie mein Vater als 14-Jähriger 1945 ganz allein in ein Land aufbricht, das er nur aus einigen wenigen Erzählungen kennt.

Ahnenreise mit Fortsetzung

Meine Ahnenreise dauert nun schon viele Jahre. Auf meiner Spurensuche fand ich Täter und Opfer unter meinen Ahnen/innen, Täter, die zu Opfern und Opfer, die zu Tätern wurden. Ich entdeckte Motive, Werte, förderliche und hinderliche Glaubenssätze, Bedürfnisse und Sehnsüchte, Licht- und Schattenseiten. Alle diese Eindrücke setzten sich Stück für Stück zu einem immer größer werdenden und für mich stimmigen Ahnenbild zusammen. Nach und nach werde ich weitere Puzzleteile finden.

Ich habe mir fest vorgenommen, dieses Bild an meine Töchter und Enkelkinder weiterzugeben. Die Ahnenreise geht weiter, wenn das Bild nicht nur in mir, sondern auch in ihnen weiterlebt. Deswegen nehme ich mir fest vor, alles Wichtige aufzuschreiben, was ich über meine Ahnen und meine Verbindungen zu ihnen herausgefunden habe. Und wer weiß, vielleicht gibt es in einigen Jahren mal einen Blogbeitrag von mir, in dem ich darüber berichte, wie ich dabei vorgegangen bin.